An ausgedehnten, fast senkrechten Dolomitwänden wurden Hunderte Meter lange Fußabdrücke pflanzenfressender Dinosaurier entdeckt, die von einer Vergangenheit zeugen, die etwa 210 Millionen Jahre zurückliegt, in die Obertriass.
Die Fußabdrücke, die trotz der Höhenlage in ausgezeichnetem Zustand erhalten sind, weisen Spuren von Zehen und Krallen auf, die sich in die Tidenflächen eingeprägt haben. Die zahlreichsten Fußabdrücke haben eine längliche Form und stammen größtenteils von zweibeinigen Tieren. In den am besten erhaltenen Abdrücken sind Spuren von mindestens vier Zehen zu erkennen. In einigen Fällen befinden sich vor den Fußabdrücken Handabdrücke, die breiter als lang und kleiner sind. An diesen Stellen hatten die Tiere wahrscheinlich angehalten und ihre Vordergliedmaßen auf den Boden gestütz.
Wem gehören diese Fußabdrücke?
Prosauropoden, pflanzenfressenden Dinosauriern mit langem Hals und kleinem Kopf, die als Vorfahren der großen Sauropoden des Jura gelten (wie der berühmte Brontosaurus). Sie waren kräftig gebaut und besaßen sowohl an den Händen als auch an den Füßen spitze Krallen. Bei einigen Arten konnten die ausgewachsenen Tiere eine Länge von 10 Metern erreichen. Es gibt verschiedene Arten von Prosauropoden-Fußabdrücken, die je nach den sichtbaren anatomischen Details unterschiedliche Namen tragen. Diejenigen, die den Fußabdrücken der Dinosaurier im Stilfser Joch am ähnlichsten sind, gehören zur Gruppe der Pseudotetrasauropus. Es ist jedoch auch möglich, dass diese Fußabdrücke zu einer noch unbekannten Ichnospezies gehören, der ein neuer Name gegeben werden muss.
Warum befinden sich die Fußabdrücke an einer senkrechten Wand?
Die heutige Lage der Schichten mit den Fußabdrücken ist nicht die ursprüngliche, sondern das Ergebnis der gewaltigen Verformungen, die zur Entstehung der Alpen führten. In diesem Gebiet verlief damals eine Küstenlinie des alten Tethys-Ozeans, an deren Strand Herden von Prosauropoden entlangzogen und ihre Fußabdrücke im kalkhaltigen Schlamm hinterließen. Vor 227 bis 205 Millionen Jahren bildeten sich die Gesteine, aus denen diese Berge heute bestehen, als Kalksedimente in flachen Karbonatplattformen des Flachmeeres, deren Lebensräume denen heutiger tropischer Gebiete ähnelten, mit Gezeitenebenen, die sich über Hunderte von Kilometern bis zum Horizont erstreckten. Von anderen Sedimenten bedeckt und geschützt und zu Stein verwittert, wurden die Fußabdrücke durch geologische Prozesse bis auf über 2.400 Meter Höhe emporgedrückt und neigen sich dort fast senkrecht. Mit der Hebung der Alpen und der Erosion der Berghänge kamen sie wieder ans Tageslicht.
Kann man die Dolomitwände mit den Fußabdrücken erreichen?
Nein, die Wände sind zu Fuß nicht zugänglich; sie befinden sich nämlich in sehr steilen und unwegsamen Gebieten, die eine Annäherung gefährlich machen, da es dort keine Wege gibt.
Man kann sie jedoch aus der Ferne beobachten: Mit einem guten Fernglas oder einem Spektiv kann man von einigen Punkten entlang der Straße, die um die Cancano-Seen herumführt, einen Eindruck von der unglaublichen Menge an Fußabdrücken gewinnen, die in den Felsen eingeprägt sind.
Der Nationalpark Stilfser Joch wird dafür sorgen, dass diese Aussichtspunkte leicht erkennbar sind, und verschiedene thematische Aktivitäten sowie Beobachtungsmomente an den ausgewählten Punkten entlang des Cancano-Sees planen, um deren Nutzung zu erleichtern.
Nachfolgend die Koordinaten der Beobachtungspunkte: