Es gibt Momente, in denen die Berge eine andere Stimme zu bekommen scheinen. Der Sommer weicht dem Herbst, die Wälder färben sich golden und rot, die Morgenluft wird kühler und mit der untergehenden Sonne kehrt Ruhe in die Täler ein.
Genau dann kann zwischen den Wäldern und Lichtungen des Nationalparks Stilfserjoch ein tiefer, kraftvoller Ruf erklingen: das Röhren der Hirsche, eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele des alpinen Herbstes.
Was ist die Hirschbrunft und wann kann man sie erleben?
Das Röhren ist der charakteristische Ruf der männlichen Rothirsche während der Paarungszeit. Damit machen sie die Weibchen auf sich aufmerksam und fordern gleichzeitig ihre Rivalen heraus.
In der Region rund um Bormio findet dieses Naturschauspiel in der Regel zwischen Ende September und Mitte Oktober statt. Zeitpunkt und Intensität können jedoch je nach Witterung und saisonalen Bedingungen variieren.
Besonders eindrucksvoll ist die Hirschbrunft häufig in der Morgen- und Abenddämmerung, wenn es im Wald still wird und die Rufe weit durch die Täler tragen.
Herbst im Nationalpark Stilfserjoch
Die Hirschbrunft zu erleben bedeutet auch, die Berge von einer ganz besonderen Seite kennenzulernen.
Die Täler rund um Bormio und die Landschaften des Nationalparks Stilfserjoch verwandeln sich in eine große natürliche Bühne: stille Wälder, goldene Lärchen, klare Bergluft und auf den höchsten Gipfeln vielleicht schon die ersten Spuren von Schnee.
Dabei muss man den Hirsch nicht unbedingt sehen. Manchmal bleibt er zwischen den Bäumen verborgen, während sein Ruf durch den Wald hallt. Die Hirschbrunft ist deshalb mehr als eine Tierbeobachtung – sie ist vor allem ein Erlebnis des Zuhörens.
Geführte Wanderungen: mit Experten unterwegs
Jedes Jahr organisieren der Nationalpark Stilfserjoch und die Bergführer von Bormio spezielle Wanderungen zur Zeit der Hirschbrunft.
Bei einer geführten Tour lässt sich dieses besondere Erlebnis sicher und bewusst genießen. Die Experten helfen dabei, Rufe, Spuren und andere Zeichen der Wildtiere zu erkennen und geben Einblicke in die empfindlichen natürlichen Gleichgewichte der alpinen Tierwelt.
Die Regeln des Waldes
Die Paarungszeit ist für die Hirsche eine besonders sensible Phase und sollte mit größtem Respekt erlebt werden.
Wichtig ist, Ruhe zu bewahren, ausreichend Abstand zu den Tieren zu halten und sich ihnen nicht zu nähern. Starke Taschenlampen oder andere helle Lichtquellen sollten niemals direkt auf Wildtiere gerichtet werden. Auch beim Fotografieren und Filmen gilt: Das natürliche Verhalten der Tiere darf nicht beeinflusst werden.
Wildtiere zu beobachten bedeutet vor allem, den Rhythmus der Natur zu respektieren, ohne eine Begegnung erzwingen zu wollen.
Bildnachweis: Marco Libretti | Bogna Sudolska | Moreno Pellegrin