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Die Felsritzungen am Fuße des Tresero
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Die Felsritzungen am Fuße des Tresero

Über 3.500 Jahre Geschichte, vom Gletscher bewahrt

Auf fast 3.000 Metern Höhe, am Fuße des Pizzo Tresero, scheint die Zeit stillzustehen. Dort, wo sich der Gletscher heute langsam zurückzieht und neue Felsflächen freigibt, kommen nach und nach Spuren einer überraschenden Vergangenheit zum Vorschein. Auf vom Eis glattgeschliffenen Felsen wurden prähistorische Felsritzungen entdeckt, die auf die Zeit zwischen 1600 und 1200 v. Chr., also in die mittlere Bronzezeit, datiert werden. Sie zählen zu den höchstgelegenen Felsritzungen Europas und gehören zu den faszinierendsten archäologischen Zeugnissen der Alpen.

Die sorgfältig in die vom Gletscher geformten Felsen eingepickten Darstellungen zeigen, dass das Hochgebirge schon viel früher genutzt wurde als lange angenommen. Es handelt sich offenbar nicht um bloße Durchgangsorte, sondern um Plätze mit symbolischer oder ritueller Bedeutung oder mit einer Funktion zur Kontrolle des umliegenden Gebiets. Bereits vor mehr als dreitausend Jahren übte diese extreme Gebirgslandschaft eine besondere Anziehungskraft auf den Menschen aus.

Die Entdeckung erfolgte zufällig im Jahr 2017 entlang des Weges zur Punta Segnale und eröffnete ein neues Kapitel in der Geschichte des Gaviatals und des Nationalparks Stilfserjoch. Sie bestätigt die Region als eines der bedeutendsten Freiluftlabore der Alpen, um die Beziehung zwischen Mensch und Hochgebirge zu erforschen.

Zwischen Gletschern und Himmel – auf den Spuren der Urgeschichte

Die Felsritzungen befinden sich in einem Gebiet, das bis vor wenigen Jahrzehnten vollständig vom Gletscher bedeckt war. Erst der allmähliche Rückzug des Eises brachte sie wieder ans Licht. Gleichzeitig hinterließ der Gletscher deutliche Erosionsspuren, die einige Gravuren teilweise beschädigten. Archäologen identifizierten dreizehn Darstellungen auf verschiedenen Felsplatten, die vermutlich Teil eines wesentlich größeren Bildensembles waren. Jede einzelne Ritzung ist ein kleines Fragment einer Geschichte, die bis heute nur teilweise entschlüsselt werden konnte.

Der Beter – eine Figur mit Blick zum Himmel

Die wohl bekannteste Darstellung der Fundstelle zeigt einen stilisierten Menschen mit erhobenen Armen. Diese Haltung ist typisch für die alpine Felskunst und wird meist als Gebets-, Anrufungs- oder Feiergeste interpretiert. Trotz ihrer schlichten Ausführung besitzt die Figur eine große Ausdruckskraft. Gerade ihre Einfachheit macht sie zeitlos und vermittelt bis heute die tiefe Verbindung zwischen Mensch, Bergwelt und Spiritualität.

Die Spirale – Symbol für Zeit und Leben

Neben dem Beter befindet sich eine große Spirale – eine der am besten erhaltenen Ritzungen der Fundstelle. Die Spirale zählt zu den am weitesten verbreiteten Symbolen der europäischen Urgeschichte. Ihre Bedeutung ist nicht eindeutig geklärt, wird jedoch häufig mit dem Kreislauf des Lebens, dem Lauf der Zeit, den Bewegungen der Sonne oder der Erneuerung der Natur in Verbindung gebracht. Die unmittelbare Nähe der beiden Motive scheint kein Zufall zu sein: Gemeinsam erzählen sie von einer gemeinsamen Symbolsprache, die vor mehr als dreitausend Jahren in den Fels eingraviert wurde.

Das Schaf – die Verbindung zum Hochgebirge

Zu den bemerkenswertesten Darstellungen gehört auch die Silhouette eines Tieres, das als Schaf interpretiert wird. Die Gravur verdeutlicht die zentrale Bedeutung von Nutztieren für die alpinen Gemeinschaften der Bronzezeit – nicht nur als wirtschaftliche Grundlage, sondern auch als kulturelles und symbolisches Element. Gerade diese Darstellung half den Forschenden, die verschiedenen Vorstoß- und Rückzugsphasen des Gletschers besser zu rekonstruieren. Einige Gletscherschrammen verlaufen über die Ritzung, andere werden von ihr unterbrochen und liefern so wertvolle Hinweise auf die zeitliche Einordnung der Fundstelle.

Schalenzeichen – kleine Spuren mit großer Bedeutung

Zu den Ritzungen gehören auch zahlreiche Schalenzeichen – kleine halbkugelförmige Vertiefungen im Fels. Sie sind an vielen archäologischen Fundorten Europas zu finden, ihre Bedeutung ist jedoch bis heute nicht eindeutig geklärt. Möglicherweise dienten sie rituellen Handlungen, Opfergaben, astronomischen Beobachtungen oder der Markierung von Territorien. Auch hier, hoch oben in den Bergen, deuten sie darauf hin, dass dieser Ort für prähistorische Gemeinschaften eine besondere Bedeutung besaß.

Kaum noch sichtbare Ritzungen – wenn die Zeit ihre Spuren hinterlässt

Nicht alle Darstellungen sind auf den ersten Blick erkennbar. Manche erscheinen nur noch als schwache Linien auf der Felsoberfläche, gezeichnet von Gletschern, Frost und Witterungseinflüssen. Forschende gehen davon aus, dass die ursprüngliche Anlage einst deutlich umfangreicher war und viele Gravuren im Laufe der Jahrtausende verloren gingen. Gerade diese Vergänglichkeit macht die heute erhaltenen Ritzungen umso wertvoller – sie sind ein einzigartiges Fenster in die frühe Nutzung des Hochgebirges.

Eine Reise in die Urgeschichte des Nationalparks Stilfserjoch

Die Felsritzungen des Tresero erzählen eine Geschichte, die weit über den einzelnen Fund hinausgeht. Gemeinsam mit weiteren archäologischen Zeugnissen aus dem oberen Gaviatal belegen sie, dass diese Berge bereits vor rund 10.000 Jahren von mesolithischen Jägern und Sammlern und später von den Gemeinschaften der Bronzezeit aufgesucht wurden.

Wer heute dem Wanderweg zur Punta Segnale folgt, erlebt nicht nur eine der eindrucksvollsten Landschaften des Nationalparks Stilfserjoch, sondern wandelt auch auf den Spuren jener Menschen, die vor Jahrtausenden bis hierher aufstiegen, um Symbole in den Fels zu ritzen – Zeichen, die die Zeit, die Gletscher und den ständigen Wandel der Bergwelt überdauert haben.

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